Das Dorf Grinario

 

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Das Dorf Grinario

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Geschichte des römischen Dorfes


  • Der keltische Ortsname 'Grinario', der von den Römern übernommen wurde, weist nach, dass auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Köngen bereits in vorrömischer Zeit eine aus Kelten bestehende Siedlung bestand. Mit dem Bau des römischen Kastells in Grinario um 95 n. Chr. kamen keltische Händler und Handwerker aus Frankreich hinzu.

  • Fundmaterial auf dem fast ebenen Kastellgelände aus dem 6. und 5. Jahrhundert vor Chr. (Späthallstatt- / Frühlatènezeit) bezeugen eine keltische Siedlung, zu der mit einiger Sicherheit eine ausgedehnte Holz-Erde-Umwehrung gehörte. Westlich des späteren Kastells fand sich ein reich ausgestattetes Wagengrab der frühen Hallstattzeit. Danach verlieren sich wieder die Spuren einer Siedlung.

  • Von der einst blühenden keltischen Zivilisation, die noch um 100 v. Chr. weite Teile des heutigen Baden-Württemberg mit großen befestigten Siedlungen (oppida) geprägt hatte, war zu Beginn der römischen Epoche in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. nur noch wenig zu finden. Über die Ursachen dieses Niedergangs kann nur spekuliert werden. Man kann davon ausgehen, dass der gesamte deutsche Südwesten nur sehr dünn besiedelt war, als die Römer in dieses Gebiet kamen.

  • Im fruchtbaren Neckarraum haben sich jedoch sich jedoch kleine Siedlungen keltischer Kleinbauern gehalten. Eine solche Siedlung war wohl der Ort 'Grinario'.

Bei Grabungen in der Nähe des Römerkastells, die im Jahr 2006 ausgeführt wurden, stieß man auf die Reste eines Brunnens und einer Latrine. Diese Funde beweisen, dass schon vor Errichtung des Kastells (95 v. Chr.) das Gebiet der heutigen Gemeinde Köngen bewohnt war. .

  • Um das Jahr 95 n. Chr. nahmen die von den Römern eroberten Gebiete einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung. Auch um das Köngener Kastell bildete sich eine blühende bürgerliche Siedlung.

Als Folge der Truppenstationierung siedelten vor den Toren des Kastells Zivilisten an, wohl zunächst Handwerker und Händler, aber auch Familien der Soldaten. In ihrer Blütezeit umfasste die Fläche des Dorfes ca. 20 ha.

  • Die Aufgabe des Kastells Grinario und die Verlegung der hier stationierten Truppe um 150 / 160 n. Chr. nach Lorch, führte keineswegs zu einem Rückgang der Besiedlung oder gar zu einer vollständigen Aufgabe. Ausgrabungen zeigen, dass sogar ein neuer Straßenzug angelegt wurde.

  • Große Teile der römischen Siedlung wurde im ausgehenden 2. Jahrhundert n. Chr. durch Brand zerstört, vermutlich aufgrund eines Schadensfeuers. Ein Einfall von Germanen lässt sich nicht nachweisen.

  • Ab 200 n. Chr. erlebte Grinario seine größte Blütezeit. Nach Norden verschob sich die Bebauungsgrenze um 45 m. Viele Gebäude wurden jetzt vollständig in Stein errichtet.

  • Um das Jahr 260 eroberte der Stammesverband der Alamannen das römische Land und zerstörte auch die Köngener Römersiedlung.

  • Die Neubesiedlung durch Alamannen wird durch zwei Begräbnisplätze nachgewiesen. Die Skelette eines solchen Platzes lagen in gemauerten, von West nach Ost gemauerten Grabkammern, die mit schweren Steinplatten abgedeckt waren. Die Alamannen bauten die zerstörten Häuser der vorherigen Bevölkerung nicht wieder auf, sondern siedelten an günstiger Stelle unweit der Ruinen.


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Aufbau und Gliederung des Dorfes


  • Die römische Siedlung Grinario war wie ein heutiges Straßendorf angelegt. An der einzigen Hauptstraße grenzten rechtwinklig Grundstücke von etwa 9 - 10 m Breite und etwa 60 - 100 m Länge. Das ganze Dorf war in etwa 150 - 170 solcher Parzellen aufgeteilt. Hieraus lässt sich schließen, dass in Grinario während seiner Blütezeit etwa 1.500 Menschen lebten. Die 'Streifenhäuser' waren zwischen 7 und 8 m breit und ganz aus Holz erbaut. Hinter den Häusern lagen vermutlich Werkstätten und Gartenbereiche.

  • Das Wohn- und Gewerbegebiet erstreckte sich auf einer Länge von rund einem Kilometer beiderseits der am Kastell vorbeiführenden Fernstraße Bad Cannstatt - Rottenburg.

  Ausdehnung des römischen Dorfes Grinario im Vergleich zum heutigen Köngen
  • Das Zentrum der Siedlung lag auf der fast ebenen Fläche westlich und südwestlich des Lagers. Hier gab es wohl mehrere öffentliche Gebäude, vielleicht auch einen Marktplatz. Ein öffentliches Gebäude, das römische Bad, das wir weiter unten genauer beschreiben, wurde erst nach der Truppenverlegung (ca. 155 n. Chr.) im vorderen Teil des Militärlagers erbaut.

  • Mit Ausnahme des römischen Bades haben wir von den öffentlichen Gebäuden im Dorf Grinario bis heute wenig Kenntnis. Als man im Juli 2006 beim Ausbaggern der Baugrube für ein privates Wohnhaus in der Nähe des Römerkastells auf römische Mauerreste stieß, glaubte man zunächst, die schon lang gesuchte 'Benefiziarierstation' (Kombination aus Pferdewechselmöglichkeit, Gasthaus und Polizeidienststelle) gefunden zu haben. Die weiteren Untersuchungen ergaben jedoch, dass es sich um die Reste eines Betriebes handelt, in dem der zum Backen von Brot verwendete Dinkel getrocknet und aufbewahrt wurde.

  • Ein öffentliches Gebäude befand sich wohl auch unmittelbar vor dem rechten Lagertor. Funde mehrerer Säulen und Pfeilerchen von beheizten Räumen deuten darauf hin. Diese Anlage entstand nach 155 n. Chr. über dem aufgefüllten Kastellgraben. Lag hier vielleicht das Rasthaus? Oder war es der Amtssitz der beiden Bürgermeister (magistri) von Grinario?

  • Von einigen Heiligtümern, in denen meist mehrere Gottheiten verehrt wurden, kennen wir durch Ausgrabungen auch den Standort.

  • Das Fahnenheiligtum, der wichtigste Raum im Stabsgebäude des Lagers, war der Ort des Kultes für die Staatsgötter und den Kaiser. Dabei blieb es auch nach der Truppenverlegung nach Lorch.

  • In einem Nebenraum des Stabsgebäudes fand man eine Reliefdarstellung der Epona, der keltischen Schutzgöttin für Pferde.

  Epona, die keltische Schutzgöttin der Pferde

  • Ein Heiligtum lag etwa 40 m vor dem rechten Lagertor an der Straße nach Rottenburg. Außer zwei Altären und einem Statuensockel fand man Teile von mindestens sieben Statuen oder Reliefs. Dazu gehören Teile einer Statue der Minerva, der Göttin für Kunst und Wissenschaft sowie Bruchstücke eines Reliefs für Merkur, den Gott des Handels und der Reisenden. Auch Teile einer überlebensgroßen Götterfigur (evtl. Jupiter Dolichenus) und Stücke eines Säulenkapitells mit Menschenköpfen, die wahrscheinlich von einer Jupitergigantensäule stammen, wurden ausgegraben.

  • Ein weiteres Heiligtum fand man 220 m vom Kastell entfernt, ebenfalls an der Straße nach Rottenburg. Es war ein von einer Mauer umgebener Bezirk (7x10 m). Teile einer Reiterstatue und Reste eines Kapitells belegen, dass hier eine Jupitergigantensäule aufgestellt war. Innerhalb des Bezirks standen außerdem ein Weiherelief für die Pferdegöttin Epona und mit der Statue eines Genius der Schutzgott des Dorfes Grinario.

  • Eine weitere Jupitergigantensäule stand am südlichen Eckturm des Lagerareals. Sie wurde wahrscheinlich im letzten Viertel des 2. Jahrhunderts n. Chr. dort aufgestellt.

  • Ein Heiligtum für den orientalischen Erlösergott Mithras lag am Ende des Dorfes Richtung Rottenburg.

  • Weitere Funde: Heiligtum der Diana, Kopf des Gottes Vulkan, Statuensockel zu Ehren des Götterpaars Merkur Visucius und Sancta Visucia, Statue der Virtus und andere.

  • Im vorderen Bereich der an der Straße liegenden Grundstücke standen die Wohnhäuser in Form von schmalen "Streifenhäusern". Ihre Giebelseite zeigte zur Straße. Die einfachen Fachwerkhäuser waren durchschnittlich 9 m breit und 30 m lang. Vom Wohnhaus her war ein Vordach bis an die Straße herangezogen, so dass ein durchlaufender überdachter Gehweg entstand. Die Mehrzahl der Häuser stellen eine einfache Kombination von Arbeitsstätte und Wohnbereich dar.

  • Den vorderen Teil des Hauses nahm ein großer Wohn- und Wirtschaftsraum ein, in dem sich mehrere Herdstellen befanden. Zur Straße hin konnte ein Verkaufsladen abgeteilt sein.

  • Es ist zu vermuten, dass die Schlafräume im hinteren Teil des Hauses lagen. In den wenigen Steinhäusern im Dorfzentrum befanden sich dort auch Wohnräume, die im Winter mit einer Unterbodenheizung erwärmt werden konnten.

  • Die Keller mit ihren steinernen Wänden lagen unmittelbar an der Straße. Nach oben waren sie mit einer Holzbohlendecke versehen. Der Zugang lag in Form einer Treppe oder Rampe im Hausinnern. Viele Kellerräume hatten Abstellnischen und Fensterluken.

  Nachbildung eines Kellers

  • Die Dächer waren im allgemeinen mit Schindeln oder Schilf, seltener mit Ziegeln gedeckt.

  • Hinter fast jedem Wohnhaus stand ein Brunnen. Auf dem restlichen Teil des Grundstücks standen wohl Backöfen, Schuppen, Aborte und Ställe für Kleintiere. In vielen Fällen schlossen sich an die Rückseite des Wohnhauses auch die Werkstätten der Handwerksbetriebe an. Daneben gab es auch Gärten, in denen die Dorfbewohner ihr eigenes Gemüse, Küchenkräuter und Obst anbauten. Die dicht nebeneinander liegenden Grundstücksparzellen konnten Längen von 100 m erreichen.

  • Die Bewohner von Grinario bestatteten ihre Toten vor allem auf einem Friedhof am Nordende des Dorfes. Der Bestattungsplatz war mit einer Mauer umgeben (ca. 51x72x58x90 m). Weitere Gräber lagen nördlich davon, vor allem beiderseits der römischen Straße nach Cannstatt. Nur 250 von weit über 1000 Gräbern konnten geborgen werden.


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Die Verwaltung des Dorfes (Vicus)


  • Ganz allgemein ist "Vicus" (Plural "Vici) ein lateinischer Ausdruck, der jede Ansammlung von Häusern bezeichnen konnte. In der Antike waren dies insbesondere Orte, die, an einer Straße liegend, als zentrale Marktplätze für die Umgebung dienten. Von den Städten unterschieden sie sich im Grunde nur, weil ihnen das formale Stadtrecht fehlte. "Vici" gehörten im allgemeinen zum Verwaltungsbezirk von Städten und waren ihnen nachgeordnet. Da es im südwestdeutschen Raum nur wenig Städte mit Stadtrecht gab, fungierten die so genannten "Civitates", d.h. Stammesgemeinden mit einem zentralen Hauptort, als stadtähnlicher Ersatz.

  • Die "Kastellvici", zu denen auch Grinario gehörte, stellen eine Besonderheit der Grenzprovinzen dar. Sie haben sich im Umfeld der römischen Militärlager gebildet, wo alle Güter und Dienstleistungen angeboten wurden, die sich an den Mann bringen ließen.

  • Die Zivilverwaltung der Provinz Obergermanien war in mehrere Gebietskörperschaften mit Selbstverwaltung ('civitates') untergliedert. Zur Verwaltung der ehemals keltischen oder germanischen Gebiete griffen die Römer häufig auf alte Stammesstrukturen zurück.

  • Die 'civitates' besaßen eine lokale Autonomie, mussten jedoch den römischen Regeln und ihrer Gesetzgebung folgen - und natürlich Steuern nach Rom zahlen. Für das Einsammeln der Abgaben und ihre Weitergabe an den Statthalter waren Magistrate, die 'decuriones' zuständig. Sie entstammten der wohlhabenden lokalen Oberschicht und waren ehrenamtlich tätig.

  • Bis ca. 155 n. Chr., also bis zum Umzug der Truppen nach Lorch, wurde das Dorf Grinario vom Kommandanten des Kastells mitverwaltet. Danach wurde Grinario in die 'Civitates Sumelocenna' (in den Verwaltungsbezirk Rottenburg) eingegliedert.

Da die wirtschaftlichen und siedlungsgeographischen Voraussetzungen gegeben waren, konnte Grinario, wie auch viele andere "Kastellvici" hinter dem Obergermanisch-Raetischen Limes, über den Abzug der Truppe hinaus als zivile Siedlung weiter bestehen.

  • In Köngen wurde 1832 ein großer Statuensockel ausgegraben, aus dessen Inschrift hervorgeht, dass der Decurio (Gemeinderat) von Sumelocenna (Rottenburg) in Grinario (Köngen) ein Standbild zu Ehren des Götterpaars Merkur Visucius und Sancta Visucia errichten ließ. Zwischen 180 und 230 n. Chr. waren die Statuen von Publius Quartionius Secundinus, einem der 100 Ratsmitglieder der civitas, geweiht worden.


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Gewerbe, Handel und Landwirtschaft in Grinario


  • Die vielen kleinen Handwerksbetriebe (zwei bis drei Arbeiter je Betrieb) bildeten die Grundlage für die Größe und den Reichtum des römischen Dorfes Grinario.

  • Die Schmieden stellten eiserne Werkzeuge her: Bauwerkzeuge oder sonstige Handwerksgeräte für den Bedarf der Dorfbevölkerung und des Militärs sowie landwirtschaftliche Geräte für die Bauern der Umgebung. Nicht sicher ist die Herstellung von Waffen.

  Werkstatt eines Schmieds (Teil eines Grabsteins)
 

Zahlreiche Eisenschlacken zeugen von der Tätigkeit der Schmiede-Betriebe. Das Eisenerz (Bonerz) wurde im nahen Albvorland, hauptsächlich zwischen Frickenhausen und Owen, abgebaut. Dort fand man viele Schürfgruben und Verhüttungsplätze, mit Eisenschlacken und Schmelzöfen, die wohl in römische Zeit zurückgehen. In so genannten Rennfeueröfen musste das Eisen zunächst aus dem Erz heraus geschmolzen werden. Möglicherweise wurde in Grinario ein Teil des ausgeschmolzenen Eisens zu Barren geschmiedet und dann verkauft.

  Querschnitt durch einen Rennfeuerofen

  • Auch Geräte aus Bronze stellte man in Grinario her. Dies beweisen halbfertige Bronzeteile, Gusstiegel und Schmelzbirnen, sowie kleinteiliger Bronzeabfall, der in großer Menge in einer Baugrube dicht vor dem hinteren Lagertor zutage kam. Zahlreiche kleine Bleiringe deuten auf die Verarbeitung auch dieses Materials hin, zum Beispiel für die Kerne von Bronzegeräten, für Dübel und Klammern beim Bau., für Gewichte und für Wasserleitungsrohre.

  • Ein weiterer Erwerbszweig war die Töpferei. An der Hangkante zum Neckartal wurden Reste von insgesamt zehn Töpferöfen bemerkt, die zu sechs Betrieben gehörten. In der Umgebung der Öfen fanden sich Scherben von Fehlbränden. Sie gehörten zu Töpfen, Schüsseln, Tellern, Bechern, Reibschüsseln, Henkelkrügen und Räucherkelchen.

Das einfache Haushalts- und Tischgeschirr konnten die Bewohner von Grinario also in den Läden oder an den Marktständen der ortsansässigen Töpfer kaufen.

  • Ausgrabungen, die im Jahr 2006 gemacht wurden, deuten auf einen Dienstleistungsbetrieb hin, in dem der zum Backen von Brot verwendete Dinkel getrocknet und aufbewahrt wurde. Die zwei mit doppelten Mauerreihen umgebenen "Räume" (Darren) wurden jeweils von einer Feuerstelle aus über einen Kanal mit Warmluft versorgt.

  • Handel

  • Wie auch andere '"vici" fungierte Grinario als Austauschplatz von Waren und Dienstleistungen. Da Märkte auch in der römischen Antike genehmigt werden mussten und an bestimmte Örtlichkeiten gebunden waren, stellte das Marktprivileg einen der wichtigsten Aktivposten für die Entwicklung des Dorfes Grinario dar.

  • Grinario musste, wie alle militärischen Anlagen, mit Grundnahrungsmitteln, luxuriösen Lebensmitteln wie Wein, Olivenöl, Fischsauce etc., mit anderen Luxusgegenständen und natürlich auch mit Waffen versorgt werden. Die Grundnahrungsmittel wurden in der Regel auf landwirtschaftlichen Gütern der Umgebung produziert und von dort zum Lager gebracht. Die luxuriösen Lebensmittel mussten aber aus weit entfernten Regionen beschafft werden (Öl aus Andalusien, Wein aus Frankreich). Dies gilt auch für die Waffen oder doch wenigstens die Metalle dafür.

  • Der Transport von Massengütern, wie zum Beispiel von Getreide, auf dem Landweg war langsam, umständlich und wenig rentabel. Für die Händler in Grinario war der Transport solcher Waren auf dem Neckar und auf dem Rhein wesentlich günstiger.

Breite und flache Kähne mit geringem Tiefgang verkehrten flussabwärts mit dem Strom treibend, flussaufwärts vom Ufer aus mit Pferden, Maultieren oder mit menschlicher Kraft getreidelt (gezogen).

  • Landwirtschaftliche Betriebe (villae rusticae)

  • Die landwirtschaftlichen Betriebe hatten die Aufgabe, durch Ackerbau und Viehzucht  den Lebensmittelbedarf der Zivilbevölkerung und der Truppen am Limes zu sichern.

Sieht man von der üblichen gärtnerischen Eigenversorgung ab, produzierten die Dorfbewohner vermutlich kaum Lebensmittel.

  • In der Nähe des römischen Dorfes Grinario gab es eine ganze Reihe von Gutshöfen. Ein dicht am Dorf gelegener Gutshof konnte 1969 beim Bau einer Schule teilweise untersucht werden. Dabei wurden Teile der Hofmauer und die Fundamente des Wohngebäudes festgestellt.

Die Hofgebäude einer 'villa rustica' bestanden in der Regel aus einem Herrenhaus, um das Gesindewohnungen und Wirtschaftsgebäude gelagert waren. Das ganze Gebäudeareal konnte mehrere Hektar umfassen und war zumeist ummauert. Im heutigen Baden-Württemberg sind bislang ca. 2.000 solcher Höfe nachgewiesen. Eine 'villa rustica' produzierte nicht für die Selbstversorgung, sondern für den Markt.

  • Die Landwirtschaft im deutschen Südwesten konzentrierte sich vor allem auf den Anbau von Getreide und hier besonders auf Weizen, aber auch Dinkel, Roggen und Gerste. Daneben wurden auch Ackerbohnen, Linsen und Erbsen angebaut. Auch die Viehzucht spielte eine bedeutende Rolle. Fleisch war hier - anders als in anderen Regionen des römischen Reichs - ein häufig gereichtes Nahrungsmittel. Teilweise wurden die Erträge der Tierproduktion auf den Höfen weiterverarbeitet: Milch zu Käse, Fleisch zu geräucherten Würsten und Häute zu Leder. Einige der landwirtschaftlichen Betriebe hatten außerdem die Aufgabe, den stetigen Nachschub für das für die Bauhandwerke und als Brennmaterial notwendige Holz zu sichern.


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Das römische Bad


  • Die Badekultur gehört zweifellos zu den bedeutendsten zivilisatorischen Leistungen der Römer. Davon zeugt auch das römische Bad in Grinario, das wahrscheinlich erst nach der Vorverlegung des Limes (155 n. Chr.) auf dem Kastellgelände errichtet wurde.

  Fußbodenheizung
  • Die Räume, die Wannen und die Wasserkessel wurden mit einer Fußbodenheizung (Hypokaustenheizung, zu deutsch: Unterflurheizung) erwärmt. Die Fußböden ruhten auf 80 bis 90 cm hohen Pfeilern aus Tonröhren und Steinsockeln.  Durch ein Holzfeuer gelangte heiße Luft von den außen gelegenen Heizräumen in die Unterbodenräume der Bäder. Durch Hohlziegel in den Wänden wurde sie in Dachhöhe nach außen abgeleitet.

  Römische Badeanlage
  • In der Vorhalle (apodyterium) zog der Besucher seine Kleider aus und deponierte sie in offenen Nischen oder Brettergestellen. Handtücher, Öl und Parfüm sowie ein aus Lupinenfrucht gewonnenes Reinigungsmittel (lomentum) brachte man mit. Der Badegast durchquerte das Kaltbad (frigidarium) und salbte sich anschließend in einem der mäßig warmen Räume (tepidarium) mit Badeöl ein. Im Caldarium nahm er in einer Wanne ein heißes Bad, unterbrochen durch gelegentliche kalte Waschungen am Labrum, einem flachen Becken in einer Wandnische. Auf dem Rückweg konnte sich der Besucher auf den Bänken des als Wärmeschleuse dienenden Tepidariums erholen, bevor er sich im Frigidarium durch ein kaltes Bad erfrischte. Wenn er wollte, konnte er noch ein Schwitzbad im Laconicum (auch 'sudatorium') anschließen. Wer die Schwitzkur überstanden hatte, begab sich zur Abkühlung in eine Kaltwasserwanne. Danach ließ sich der Badegast von einem Masseur abreiben und kräftig durchkneten. Schließlich reinigte man sich mit einem Körperschaber (strigilis) von Schweiß und vom restlichen Öl und kleidete sich wieder an

  Körperschaber (strigilis)
  • Das öffentliche Bad war auch ein Kommunikationszentrum. Man verabredete sich mit Freunden und Geschäftsleuten, besprach die Tagesereignisse, knüpfte Beziehungen an oder spann Intrigen.


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Jupitergigantensäule


  • Etwa 220 m südwestlich vom römischen Lager in Grinario entfernt, an der Militärstraße nach Rottenburg, befand sich ein von einer Mauer umgebener heiliger Bezirk in der Größe von 7 auf 10 Meter. Wie die hier gefundenen Teile einer Reiterstatue, die Hälfte einer Säulentrommel sowie Fragmente eines Kapitells belegen, war in der Mitte des Platzes eine Jupitergigantensäule aufgestellt. Innerhalb des heiligen Bezirks stand noch ein Weiherelief für die keltische Pferdegöttin Epona sowie die Statue eines Genius, der wohl der Schutzgott zumindest eines Teils der Bewohner von Grinario war. Der Kopf des Genius sowie der zugehörige Weihealtar sind noch erhalten.

  Rekonstruktionsversuch des Jupiterheiligtums an der Rottenburger Straße


Bildquelle: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege
  • Der Aufbau von Jupitergigantensäulen (der Aufbau der Jupitergigantensäule in Hausen an der Zaber gilt weitgehend als Normaltypus und wird hier exemplarisch dargestellt).

  Jupitergigantensäule von Hausen an der Zaber. Kunststeinnachbildung


 Bildquelle: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart
  • Vierseitiger Sockelstein (Viergötterstein)

  • Steinquader auf einer profilierten Platte; zweistufiger Unterbau. 

  • Vorderseite: Namen der Götter, denen die Säule geweiht ist; auch Angabe der Stifter.

Bei der Jupitergigantensäule von Hausen an der Zaber lautet die in die deutsche Sprache übersetzte Aufschrift: "Dem Jupiter Optimus Maximus und der Juno Regina hat Caius Vettius Connougus sein Gelübde gerne, froh und nach Verdienst erfüllt". Der Stifter des Denkmals war, seinem Namen nach, mit großer Wahrscheinlichkeit ein einheimischer Kelte.

  • Übrige Seiten des Quaders

  • Apollo (schenkt den Sieg im Kampf, gibt Rettung und Heilung im weitesten Sinne). Er trägt Köcher, Bogen und Pfeil.

  • Diana (Göttin der Jagd). Sie wird von einem Jagdhund begleitet.

  • Venus (Göttin der Liebe und der Schönheit) und Vulkan (Gott der Handwerker, auch Schmiedegott). Vulkan trägt die Werkzeuge des Schmiedegottes, den Hammer und eine Zange, die er auf einen Amboss stützt.

Anmerkung: Bei der Auswahl der auf dem Viergötterstein dargestellten Götter  weicht die Jupitergigantensäule in Hausen vom Normaltypus ab. Weitaus häufiger ist die Darstellung folgender Götter: Juno (Schutzherrin der Familie), Minerva (Göttin der Handwerker und Künstler), Merkur (Gott des Handels, Götterbote), Herkules (Helfer in Not und Gefahr). - Ein Beispiel für diese Zusammenstellung ist die Jupitergigantensäule in Walheim, Kreis Ludwigsburg.

  • Achtseitiger Stein (Wochengötterstein)

  • auf einer, den Viergötterstein abschließenden, Profilplatte, aufgestellt.

  • Vorderseite: Relief der Sieges- und Friedensgöttin Victoria. Diese Göttin zeigt den Wochenanfang an. In der vorchristlichen Antike ist dies der Samstag. Die Victoria steht zwischen Saturn (Samstag) und Venus (Freitag).

  • Auf den übrigen Seiten befinden sich in der Reihenfolge der Wochentage folgende Götter ('Planetengötter'): Sol (Sonntag), Luna (Montag), Mars (Dienstag), Merkur (Mittwoch), Jupiter (Donnerstag).

  • Säule

  • Die Säule steht auf der Profilplatte über dem Wochengötterstein

  • Der Säulenschaft ist mit einem Muster aus Eichenblättern und Eicheln bedeckt; im unteren Drittel weisen die Spitzen der Eichenblätter nach oben, in den oberen Dritteln nach unten. Beide Zonen sind durch einen umlaufenden Ring voneinander getrennt.

Anmerkung: In Walheim ist der Säulenschaft mit einem einfachen Schuppenmuster verziert.

  • Korinthisches Kapitell

  • Das Kapitell bildet den Abschluss der Säule

  • Die Eckvoluten des Kapitells sind durch Schulterbüsten von Frauen ersetzt, die durch ihre Attribute im Haar - Blüten, Ähren, Äpfel und ein wärmendes Kopftuch - als Personifikationen der Jahreszeiten zu erkennen sind.

  • Das Reiterbild des Jupiter (bei der Jupitergigantensäule in Hausen ist es wegen seiner starken Beschädigung eine Nachbildung des Reiterbilds in Steinsfurt)

  • Auf dem Kapitell ist ein Reiter (Jupiter, der höchste Gott) dargestellt, dessen Pferd über ein vor ihm kauerndes Mischwesen (einen Giganten) hinweg reitet. Jupiter trägt einen römischen Feldherrenpanzer und schwingt in seiner erhobenen rechten Hand drohend ein Blitzbündel.

  • Nach der antiken Mythologie wollen die Söhne der Erde, die Giganten, den Olymp stürmen und den höchsten Gott stürzen. Der Sieg Jupiters ist ein Sieg über die Kräfte der Zerstörung.

Der Kampf der erdgeborenen Giganten gegen die olympischen Götter (die "Gigantomachie") ist ein Thema der klassischen Mythologie und Kunst. Am prächtigsten ist das Thema am großen Fries des Zeusaltars von Pergamon gestaltet. Der griechische Zeus kämpft in der Gigantomachie zu Fuß oder er fährt, wie die homerischen Helden, auf einem Streitwagen in den Kampf.

  • Verbreitung und Datierung der Jupitergigantensäulen

  • Nur wenige Jupitergigantensäulen wurden dicht neben ihren Fundamentierungen gefunden. Schon in spätantiker Zeit wurden Säulenteile als Baumaterial für Befestigungsbauten und Kirchen benutzt. Viele Säulen wurden auch von den Christen, welche die "magische Wirksamkeit der Götzenbilder" beseitigen wollten, gänzlich vernichtet..

Die Verwendung als Baumaterial und die Zerstörung aus christlichen Motiven machen verständlich, dass auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz 'Obergermanien' weniger als 20 vollständig rekonstruierbare Jupitergigantensäulen gefunden wurden. Dem stehen 200 Funde von Viergöttersteinen und ca. 100 Funde von Skulpturen des reitenden Jupiters (bzw. deren fragmentarischen Reste) gegenüber.

  • Hauptverbreitungsgebiet sind große Teile Obergermaniens und der östliche Teil der Provinz Belgica. Nach Süden und Südwesten nimmt die Funddichte langsam ab. Einzelne Funde erreichen die Bretagne im Westen und das Loiretal im Südwesten. Südlich der Linie Straßburg - Rottenburg wurden keine Reste gefunden. Auch nach Osten, zur Provinz Rätien, bricht die Verbreitung der Jupitergigantensäulen bei Ulm, Augsburg und Weißenburg jäh ab.

  • Aus dem Verbreitungsgebiet geht hervor, dass die mit den Jupitergigantensäulen verknüpften religiösen Vorstellungen nur aus dem keltischen Raum kommen können. Die frühen Kelten hatten in einer hohen Eiche das Bildnis ihres höchsten Gottes gesehen. Das Eichenlaub auf dem Säulenschaft der Hausener Säule gibt einen deutlichen Hinweis darauf.  Fast im ganzen von Kelten besiedelten Europa kann der auf einer Säule thronende Jupiter  auch ein Rad in seiner Hand tragen. Das Rad galt seit der Bronzezeit als Symbol der Sonne, des Lichts. Mit den römischen Vorstellungen von Jupiter in der Kaiserzeit lässt sich dies kaum vereinbaren. - Es fällt auch  auf, dass Jupitergigantensäulen in Orten mit einem römischen Kastell nicht allzu häufig sind. Dies lässt den Schluss zu, dass die Errichtung solcher Säulen ein Brauch war, der von der ortsansässigen keltischen Bevölkerung ausgeübt wurde.

  • Die durch Inschriften gesicherte Datierung der Erstellung von Jupitergigantensäulen umfasst den Zeitraum von 170  bis 246 nach Chr.. In diesen Zeitraum können durch Vergleiche der Baustile die meisten anderen Säulen eingeordnet werden. Es gibt jedoch auch Säulenreste, die nachweislich älter sind als die durch Inschriften datierten. Die früheste - zur Zeit bekannte - Jupitergigantensäule ist um 100 n.Chr. entstanden (Tongern in Belgien).


Literaturhinweise


Bauchhenns, Gerhard

Jupitergigantensäulen. Limesmuseum Aalen. Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsdichte Südwestdeutschlands, Nr. 14. Stuttgart 1976

Filtzinger, Philipp

Köngen. In: Die Römer in Baden-Württemberg (Hrsg. Filtzinger / Planck / Cämmerer). Stuttgart 1986.

Fischer, Thomas (Hrsg.)

Die Römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Stuttgart 2001.

Luik, Martin / Reutti, Fridolin

Der Römerpark in Köngen. Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg, Band 12. Stuttgart 1988.

Luik, Martin

Zehn Jahre Römerpark Köngen. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 4, Seite 248 - 251. 1998

Luik, Martin

Köngen, Grinario I. Topographie, Fundstellenverzeichnis, ausgewählte Fundgruppen.Aus der Reihe: Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte Württemberg, 62. Stuttgart 1996.

Luik, Martin

Köngen, Grinario II. Historisch-archäologische Auswertung. Aus der Reihe: Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte Württemberg, 82. Stuttgart 2004.

Luik, Martin

Köngen, Kohortenkastell und Vicus. In: Die Römer in Baden-Württemberg (Hrsg.: Dieter Planck). Stuttgart 2005.

Regierungspräsidum Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege

100 Jahre Kastellturm Köngen. Eine Rekonstruktion und ihre Geschichte, Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg, Heft 65

Unz, Christoph

Grinario - das römische Kastell und Dorf in Köngen. Führer zu archäologischen Denkmlern in Baden-Württemberg, Band 8. Stuttgart 1982.


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Stand: 20.05.2016                    Copyright © 2016 Geschichts- und Kulturverein Köngen e.V.                    Autor: Dieter Griesshaber