Köngen 1520 - 1618

 

 

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Chronologie der wichtigsten Ereignisse in Köngen

Köngen im Späten Mittelalter (1250 - 1400)

Köngen in der Zeit vom Späten Mittelalter bis zur Reformation (1400 - 1520)

Köngen in der Zeit von der Reformation bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1520 - 1618)

Köngen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648)

Köngen in der Zeit vom Westfälischen Frieden bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts (1648 - 1750)

Köngen in der Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1750 - 1806)

Köngen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1806 - 1850)

Köngen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1850 - 1900)

Köngen in der Zeit der Weimarer Republik (1918 - 1933)

Köngen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (1945 - 1982)

 

 
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Literaturhinweise      Deutschland 1517-1521    Württemberg 1520-1618  


Köngen von der Reformation bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges


  • Hans Konrad Thumb von Neuburg († 1555)

  • Albrecht Thumb von Neuburg, der 1531 verstorbene ehemalige Fürstpropst von Ellwangen, vermachte seinen Besitz an die Söhne seines Bruders Konrad, Hans Konrad und Hans Friedrich. Hans Konrad, der älteste Sohn Konrads, erbte neben der Würde eines Erbmarschalls das Lehen Stettenfels mit dem Dorf Gruppenbach und die Herrschaft Stetten im Remstal. Hans Konrad ist der Begründer der Stettener Linie des Geschlechts Thumb von Neuburg.

  • Hans Konrad kam schon in jungen Jahren an den Hof Herzog Ulrichs von Württemberg. Bei der Hochzeit des Herzogs mit Sabina von Bayern im Jahr 1511 finden wir ihn unter den Kavalieren des Hofes. 1513 heiratete er Margarethe von Adelsheim. Als Herzog Ulrich 1519 Württemberg verlassen musste und nach Mömpelgard zog, nahm er Hans Konrad mit. Nach einem Streit mit einem anderen Gefolgsmann des Herzogs begab er sich in den Dienst der österreichischen Regentschaft in Württemberg.

 

Herzog Ulrich von Württemberg (*1487, † 1550), reg. 1498 - 1550

Zeitgenössisches Gemälde

  • Im Jahr 1527 verkaufte Hans Konrad Stettenfels und Gruppenbach. 1540 erwarb er die Herrschaft Neuburg am Untersee mit dem Dorf Mammern. Zwei Jahre später kaufte er die am Neckar gelegene Burg Hammetweil mit dazu gehörenden Gut. Die Burg wurde abgerissen, das Gut gehört heute noch der Familie Thumb von Neuburg.

  • Zusammen mit seinem Bruder Hans Friedrich war Hans Konrad Vorkämpfer der protestantischen Bewegung in Württemberg.

 
  • Kaum dass Chor und Schiff der heutigen Peter- und Paulskirche gebaut waren (Grundsteinlegung 1502) und sie der Konstanzer Bischof, zu dessen Bistum gehörte, im Jahr 1515 geweiht hatte, kommt das zum Ausbruch, was schon einige Zeit schwelte und immer wieder aufgeflackert war: Kritik an Haupt und Gliedern der mittelalterlichen Kirche. Die Kirche hatte sich zu einer Macht entwickelt, die auf Kosten der Gläubigen immer reicher geworden war. Ein Großteil der hohen und niedrigen Geistlichkeit führte einen ausschweifenden Lebenswandel unter dem sehr viele zu leiden hatten. Am 31. Oktober 1517 schlägt der 34jährige Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg an und entfacht damit die reformatorische Bewegung, die zunächst eine Reform der Organisation der Kirche zum Ziel hat. Wie ein Lauffeuer werden die Schriften Luthers im ganzen Reich verbreitet, von vielen gelesen und begeistert aufgenommen. In der freien Reichsstadt Esslingen, mit der Köngen in vielfältiger Weise verbunden ist (die Baumeister der Köngener Kirche kamen aus Esslingen; Verträge wurden in Esslingen abgeschlossen) werden die lutherischen Schriften vor allem im Augustinerkloster gelesen. Auch die Schriften von Philipp Melanchthon und Huldrych Zwingli erreichten das Kloster der Augustiner. Einer der ersten, die sich zum neuen Glauben bekennen, ist der Augustinermönch Michael Stiefel.

  • Es folgen unruhige Jahre der Auseinandersetzung zwischen Vertretern des alten Glaubens und der jungen reformatorischen Bewegung. Michael Stiefel und andere müssen aus Esslingen fliehen, da die Vertreter des alten Glaubens den Kritikern nach Leib und Seele trachten. 1519 hatte Herzog Ulrich fliehen müssen, da er sich viele Feinde geschaffen hatte. So waren die Habsburger die Herren von Württemberg geworden, die streng an der alten Ordnung und am alten Glauben festhielten und die reformatorische Bewegung - so gut sie konnten - unterdrückten und bekämpften.

  • Im Jahr des großen Bauernkriegs 1525, in dem die Bauern in den verschiedenen Teilen Deutschlands - inspiriert durch die reformatorischen Prediger - mehr Recht und Gerechtigkeit fordern und ihre Hoffnungen blutig zerschlagen werden, wird der Reutlinger reformatorische Prediger Matthäus Alber in Esslingen verhört und kann überraschenderweise ohne Verurteilung wieder nach Reutlingen zurückkehren. Das gibt der reformatorische Bewegung in Esslingen und Umgebung Auftrieb. Die Kritik an der mittelalterlichen Kirche greift immer mehr um sich, bis schließlich am 20. August 1531 der Rat der Stadt Esslingen seinen Beschluss öffentlich bekannt gibt, das Wort Gottes künftig frei predigen zu lassen. Ende September 1531 wird Ambrosius Blarer aus Geislingen in die freie Reichsstadt geholt, um in Esslingen der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.

  • Hans Konrad starb am 25. März 1555. Sein Grabstein befindet sich in der Peter- und Paulskirche in Köngen.

  • Hans Friedrich Thumb von Neuburg († 1551)

  • Nach dem Tod von Albrecht Thumb von Neuburg (1531) hatte Hans Friedrich große Teile des Köngener Besitzes geerbt. Als ihm 1532 seine Vettern Schweickhart und Diepold ihre Güter verkauften, gehörten Hans Friedrich sämtliche Köngener Besitzungen des Geschlechts Thumb von Neuburg sowie das ganze Schloss. Besitzungen in Mühlhausen an der Enz, Güter und Rechte in Sielmingen und Harthausen kamen ebenso an Hans Friedrich wie die Obervogtei Kirchheim.

  Grabstein für Hans Friedrich Thumb († 1551) und seiner Ehefrau Margarete von Vellberg († 1571) in der Peter- und Paulskirche in Köngen (neben dem Altar)

  • Über Jahrzehnte hinweg bekleidete Hans Friedrich das Amt eines württembergischen Obervogts im nahe gelegenen Kirchheim.

  • Als Grundherr in Köngen förderte Hans Friedrich frühzeitig und energisch die Reformation. Hans Friedrich war ein regelmäßiger Hörer von Ambrosius Blarer in Esslingen. Er hatte die Geschehnisse in Esslingen und im Reich aufmerksam verfolgt und war schon bald ein Sympathisant der reformatorischen Bewegung geworden.

  • Ende des Jahres 1526 verweigert Hans Friedrich in seiner Herrschaft Untersielmingen die Zahlung von Abgaben an den Bischof von Konstanz. Nachdem die Zahlungen an den Bischof bis 1529 ausblieben, wurde der dortige Pfarrer (Jakob Zech) von der Verwaltung des Bistums in Bann geworfen.

Im Dezember 1529 übernahm Hans Friedrich die Verantwortung für das Ausbleiben der Zahlung. Als Begründung führte er an, dass seine Herrschaft ein vom Kaiser verliehenes Reichslehen sei.

  • In Köngen wurde die Lehre Luthers 1526 auch von der Kanzel aus verbreitet. Anfang 1527 beschwerte sich die bischöfliche Kurie beim habsburgischen Reichsregiment über den Köngener Pfarrer. Im Wortlaut: "Der Pfarrherr und Prediger zu Küngen ist ein ganz lutterischer Prediger, uffrührisch und verfüherisch, verschmecht die heiligen sacrament und heißt die heilige Meß des Teufels Gespänst."  Gleichzeitig wurde der Pfarrer aufgefordert, sich am Bischofssitz Konstanz zu rechtfertigen.

Hans Friedrich lehnte die Vorladung seines Pfarrers ab. Am 19. Juni 1527 verlangte er in einem Schreiben an den Bischof die Einstellung des Prozesses gegen seinen Geistlichen und versicherte, dass sich dieser "fromm und priesterlich" verhalte. Der Pfarrer hinge, so schreibt er, "keiner Irrlehre, sondern lediglich der Heiligen Schrift an". Ein Einschreiten des kaiserlichen Regiments in Köngen ist nicht bekannt. Der Pfarrer blieb in seinem Amt.

 
  • Am 6. November 1531 wird in Esslingen die Messe abgeschafft und eine neue Gottesdienstordnung eingeführt. Die neue Form des evangelischen Gottesdienstes besteht aus Predigt, Gebet und Gemeindegesang. Es werden deutsche Psalmen gesungen. Das Abendmahl wird in zwingliisch nüchterner Form eingeführt - vornehmlich für die hohen Festtage. Anfang 1532 werden aus den Esslinger Kirchen die Bilder und Altäre entfernt; vieles wird zerstört.

  • Nach Esslinger Vorbild wird auch in Köngen im Frühjahr 1532 von Hans Friedrich Thumb von Neuburg unter Mitwirkung von Ambrosius Blarer die Messe abgeschafft und der evangelische Gottesdienst eingeführt. Gleich darauf beschwerte sich der Denkendorfer Propst bei den Stuttgarter Räten über die pro-protestantische Einstellung von Hans Friedrich und seinem Pfarrer. Die Beschwerden wurden am 12. Mai 1532 an König Ferdinand weitergeleitet, der den Befehl gab, dieses "irrige und unbillige" Verhalten zu verfolgen. Hans Friedrich wurde vom König aufgefordert, "sein Gemüt und seine Meinung" zu den erhobenen Vorwürfen kundzutun.

Hans Friedrich entzog sich der drohenden Verhaftung, wahrscheinlich durch einen Aufenthalt im Ausland. Am 12. August, also drei Monate später, antwortete er dem König. In erster Linie wies er auf die Reichsunmittelbarkeit seiner Herrschaft hin, stellte jedoch auch die "widergöttlichen Missbräuche der Kirche" heraus. Der Pfarrer müsse nach dem Gedeihen und der Wohlfahrt seiner Gemeinde und nicht nach seinem eigenen "Nutz, Ehr, Pracht und Genuss" handeln. Da dies nicht der Fall gewesen sei, habe es ihm als "christlicher Obrigkeit" zugestanden, "das "Seelenheil seiner Untertanen zu besorgen". Er, Hans Friedrich Thumb, habe aus der Heiligen Schrift Unterricht bekommen, wonach "die päpstliche Messe und andere von Menschen erdichtete Missbräuche weggeschafft" werden müssten.

  • Das unmittelbare Einschreiten der habsburgischen Zentralgewalt in Köngen wird durch außenpolitische Ereignisse (Bedrohung des Habsburger Reiches durch die Türken) verhindert. Der Brief Hans Friederichs, mit dem er sich offen zur Reformation bekannte, wäre für den König ein willkommener Anlass gewesen, die Verhältnisse in Köngen zu verändern.

  • 1532: Zusammen mit seinem Bruder Hans Konrad, der Ortsherr von Stetten im Remstal ist, bittet Hans Friedrich um Aufnahme in den "Schmalkaldischen Bund", der Vereinigung protestantischer Fürsten und Reichsstädte. Die Aufnahme von Reichsrittern, also auch der Thumb von Neuburgs wird zunächst abgelehnt.

  • Als erster evangelischer Pfarrer in Köngen wird 1533 der ehemalige Mönch Konrad Gwinngut genannt.

  • 1534: Nach der Rückkehr Herzog Ulrichs werden die Gebrüder Thumb zusammen mit Ambrosius Blarer mit der Durchführung der Reformation in dem Raum südlich von Stuttgart beauftragt.

 

 

Ambrosius Blarer (*1492, † 1564)

Auf dem "Götzentag" in Urach war es dem Hitzkopf  Blarer gelungen, den Herzog Ulrich zu überzeugen, dass in den Kirchen die Altäre abzubrechen, alle Bilder zu entfernen und die Zeremonien auszumerzen seien, "weil sie vom Wort abgingen." So verschwanden aus dem Chor der Köngener Kirche Hochaltar und Nebenaltar.

  • Hans Konrad und Hans Friedrich beteiligten an der Neuorganisation des Kirchenwesens. So heißt es zum Beispiel in einer Niederschrift des Klosters Herrenalb: "Am 17. Januar 1536 kamen Hans Konrad Thum, Marschall und der von Gültlingen nach Herrenalb, mit ihnen .... Am 5.Juli ist kommen der edel Junker Hans Friedrich Thum ... samt ...., haben den Abt berueft und alle ceremonien in der Kirche abgetan ... ".

  • 1535: Beraubung des Klosters Denkendorf durch Hans Konrad

  • Hans Konrad ließ alle Kostbarkeiten des Klosters nach Stuttgart bringen. Von der dortigen Rentkammer wurden sie als Einnahmen verbucht.

  • Das Kloster in Denkendorf wurde wie alle anderen Männerklöster in Württemberg säkularisiert und schließlich zur evangelischen Klosterschule umgewandelt. Die verbliebenen Chorherren wurde die Möglichkeit gelassen, weiterhin im Stift zu bleiben. Wer zum neuen Glauben übertrat, wurde sofort als evangelischer Pfarrer angestellt. Etwa 10 der 20 Mitglieder des Denkendorfer Konvents entschlossen sich für diese Lösung.

  • 1535: Entlassung der Gebrüder Hans Friedrich und Konrad Thumb von Neuburg aus ihren Ämtern als Reformatoren wegen ihrer Neigung zum "Wiedertäufer" Caspar Schwenckfeld von Ossig. Der zurückgekehrte Herzog Ulrich von Württemberg hatte zuvor das "Auslaufen zu fremden Winkelpredigern" verboten.

 
  • Ab 1533 wurde ein schlesischer Adliger für den Fortgang der Reformation in Köngen bedeutsam: Caspar Schwenckfeld von Ossig. 1489 im Herzogtum Liegnitz geboren, studierte er in Köln und Frankfurt / Oder. Unter dem Einfluss von Schriften Luthers fühlte er sich zunächst der Reformation bis an sein Lebensende verpflichtet. Ab 1522 entwickelte er zunehmend kritische Gedanken zu Luther und der reformatorischen Bewegung. Er gewann die Überzeugung, dass das Ausbleiben der von ihm sehnlichst erwarteten allgemeinen religiösen Erneuerung auf die für ihn falsche reformatorische Rechtfertigungslehre zurückzuführen war. Martin Luther hatte gelehrt, dass die durch die Erbsünde gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch allein von Gott wieder hergestellt werden kann, weil er sich dem Menschen aus seinem freien Willen heraus in Gnade zuwendet. Gute Werke eines Menschen waren für Luther dann die Folge des Glaubens. Caspar Schwenckfeld betonte dagegen, dass sich der Mensch auch durch eigene Werke, nämlich durch Askese, vor Gott rechtfertigen müsse. Mit seinen Vorstellungen von einer Religion ohne Dogmen und Pfarrer geriet er in Gegensatz zu der vom Herzog durchgeführten Reformation. Er war gegen die Kindstaufe und auch die Sakramente waren nach seiner Ansicht nicht für das Seelenheil der Menschen entscheidend. Selbst die Predigt war für Schwenckfeld nicht zum Glauben notwendig. Seine Hoffnung auf die Erneuerung der Kirche gab er bald auf und setzte seine ganze Hoffnung in die geistliche Erneuerung von einzelnen Christen, die für diese Erneuerung keine äußeren Formen wie Predigt und Abendmahl brauchten, sondern die Erfüllung durch den Geist.

 

Martin Luther vertrat in seiner Schrift "Vom unfreien Willen" die These, dass das Schicksal des Menschen von Gott vorherbestimmt ist. Als im Jahr 1523 in Wittenberg auftrat, predigte er den Leuten, vor der gefährlichen Seuche nicht zu fliehen, weil sie "Gottes Geschick" sei. Die Theologie der beiden großen christlichen Kirchen bleibt heute noch bei der Behauptung, die Menschen müssten sich für Unglück und Leid, die ihnen widerfahren, vor Gott rechtfertigen. Der Grundgedanke dieser Rechtfertigungslehre war auch schon bei Paulus, Augustinus und Tertullian enthalten. Luther sah den Menschen als durch und durch verworfen an, zu retten nur durch die unverdiente Gnade eines gütigen, allmächtigen Gottes

 

Caspar Schwenckfeld von Ossig (*1499, † 1561)

Schwenkfeld Library, Penn., USA

 
  • 1529 begibt sich Schwenckfeld nach Süddeutschland, zunächst nach Straßburg. Im September 1533 kommt er nach Esslingen zu Jakob Otter, dem Nachfolger Ambrosius Blarers. Von dort kommt er nach Köngen zu Hans Friedrich Thumb, der bald freundschaftlich mit ihm verbunden ist, ebenso wie der Köngener Prediger Konrad Gwinngut. Das Zusammengehen von Hans Friedrich Thumb und seinem Bruder Konrad mit Schwenckfeld findet starkes Misstrauen bei Ambrosius Blarer, der Jakob Otter und Konrad Thumb und andere vor Schwenckfeld warnt. An Hans Konrad schreibt Blarer bezüglich seines Bruders Hans Friedrich: "Euer Bruder weiß wohl, wo es hängt und was uns allen an Schwenckfeld missfällt, das ist nämlich der Punkt, Sonderung auszurichten und andere Leute hinterstellig zu machen von der Predigt ihrer ordentlichen Prediger; es sind Hochgeister, die sich Offenbarungen und Prophezeiungen anmaßen." Otter lässt sich von der Kritik an Schwenckfeld überzeugen und lässt von allen Esslinger Kanzeln verbieten, die Predigten von Schwenckfeld in Köngen zu besuchen. Die Brüder Thumb und Konrad Gwinngut lassen sich von ihrer Sympathie für Schwenckfeld nicht abbringen und gewähren ihm Unterschlupf und Unterstützung. Konrad Gwinngut wird wegen seiner Verbundenheit von den wöchentlichen Zusammenkünften der evangelischen Geistlichen ausgeschlossen.

 
  • Nachdem Herzog Ulrich alle "Winkelprediger", die einen anderen Weg als die großen Reformatoren gingen, verfolgen ließ, wechselte Schwenkfeld sehr oft seinen Wohnsitz. Immer wieder ist er nach Köngen gekommen, so in den Jahren 1539, 1543 und 1544. Geheime Versammlungen wurden abgehalten, die bei der Landbevölkerung großen Zulauf fanden. Diese heimlichen Zusammenkünfte gab es noch nach dem Tode Schwenckfelds im Jahr 1561.Noch viele Jahre später gilt Köngen als ein "Wurmnest" der Schwenckfelder.  Die Unterstützung der "Schwenckfelder" durch das Geschlecht Thumb von Neuburg ist bis in die neunziger Jahre des 16. Jahrhunderts nachzuweisen.

Im US-Bundesstaat Pensylvania besteht noch heute eine 'First Schwenckfeld Church' mit rund 2200 Anhängern in fünf Kirchengemeinden

  • In die Zeit von Hans Friedrich fallen auch die Neubauten des Schlosses aus dem Jahr 1539. Das Schloss wurde zu einer dreiflügligen Anlage umgebaut. Die verschiedenen Flügel wurden aufgestockt und das Dachwerk erneuert. Der Wassergraben und die Schlossmauer blieben bestehen.

  • Die Nachfahren von Hans Friedrich Thumb von Neuburg

  • Nach dem Tod Hans Friedrichs im Jahr 1551 wurde der Thumbsche Besitz in Köngen an zwei seiner drei Söhne, Albrecht und Konrad, aufgeteilt. Der dritte Sohn, Friedrich, erhielt die Güter in Mühlhausen an der Enz und in Korntal. Gemeinsamer Besitz war das Marschallenhaus in Stuttgart.

  • Albrecht ( 1567): Umbauten am Schloss (Nordportal). Die Jahreszahl 1557 über dem nördlichen Schlosstor weist auf die für Jahrhunderte letzte bauliche Sanierung des alten Wasserschlosses hin. Albrecht und seine Frau, Margarete von Liebenstein, sind in Köngen begraben. Albrecht hatte einen Sohn gleichen Namens sowie zwei Töchter, Anna und Maria.

  • Konrad († 1602): Obervogt in Göppingen, verwaltete nach dem Tod seines Bruders Albrecht den Köngener Besitz. Vormund seines Neffen Albrecht, der bei dem Tod seines Vaters 13 Jahre alt war.

  • Albrecht (* 1554, † 1613): Sohn des 1567 verstorbenen Albrecht Thumb von Neuburg. Ausschussmitglied des Ritterkantons Neckar-Schwarzwald. Zahlreiche Streitigkeiten mit dem Kloster Denkendorf.  Reiche Stiftungen an die Peter- und Paulskirche in Köngen. Albrecht war Mitglied des Ausschusses des Ritterkantons Neckar-Schwarzwald. Er starb unverheiratet und wurde in Köngen beigesetzt. Er war zuletzt der alleinige Besitzer von Köngen.

  Albrecht Thumb von Neuburg (* 1554, † 1613)

  • Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Albrecht der Auftraggeber für die Ausschmückung des Rittersaals im Köngener Schloss. Dieser Rittersaal ist im Renaissancestil gehalten und gilt mit seinen bemalten hölzernen Wandvertäfelungen, den reich verzierten Türelementen und den häufig unterteilten Fenstern aus 300 Jahre altem, mit dem Mund geblasenem Glas als einmalig im südwestdeutschen Raum. Die obere Reihe der Vertäfelung ist mit stattlichen Brustbildnissen von Kaisern bemalt (Theodosius der Große, Karl der Große, Heinrich III., Friedrich Barbarossa, Rudolph I. von Habsburg). In der darunter liegenden Reihe ist jedem der Kaiser ein persönlicher Ausspruch zugeordnet (z.B. bei Rudolph I.: "Besser ist es wohl regieren als die Grenzen weiterführen"). Auf der gleichen Wandseite befindet sich über die Reihen der Vertäfelung hinweg in voller Größe ein Bildnis von Süleyman dem Prächtigen (1520 - 1566), jenes türkischen Sultans, der im Jahre 1529 die Stadt Wien belagerte.

 

Süleyman der Prächtige (1520 -1566)  (nach der Restaurierung)

Archiv Wais & Partner in 'Denkmalstiftung Baden- Württemberg 4/2004'

  • Die Herrscherbildnisse wurden vermutlich im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts ausgeführt. Man kann vermuten, dass das Köngener Rittergeschlecht mit den Bildnissen neben ihrer Kaisertreue auch das Standesbewusstsein der freien Reichsritter ausdrücken wollte. Mit dem Bild Süleymans soll - wahrscheinlich - die Beteiligung der Ritter bei der Bekämpfung der Türken herausgestellt werden. Die Sinnsprüche sind wohl als Botschaften an Süleyman (und andere Herrscher) zu verstehen.

 

Bildnis von Kaiser Rudolph I. von Habsburg im Rittersaal des Köngener Schlosses

(nach der Restaurierung)

  • Restauratorische Untersuchungen zeigen, dass sich unter den beschriebenen Bildern eine ältere Malschicht mit kämpfenden Einhörnern befindet.

  • An der Außenwand des Rittersaals wurden Ende 2001 unter vielen Schichten von Farbe und Gips dieselben perspektivisch wirkenden Malereien entdeckt, wie sie auch in den kassettierten Türblättern  zu finden sind. Die Stilformen der Malereien (Muscheln, Engelsköpfchen, Girlanden) und die Dekors der Türrahmungen sind um die Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden. 

    Die Restaurierung des Rittersaals wurde im September 2004 (vorläufig) beendet.

  • Nach dem Tod von Albrecht und seiner Schwester Anna (* 1556, 1609) verfügte seine jüngste Schwester Maria (*  1560, † 1636) über den gesamten Besitz der Thumb von Neuburg in Köngen. In dritter Ehe heiratete sie 1617 den württembergischen Hauptmann Ludwig von Weiler. Mit ihrem Tod starb die Köngener Linie der Thumb von Neuburg aus. Als Erbe hatte sie ihren Vetter, den Erbmarschall Johann Friedrich Thumb aus Stetten bestimmt. Diese Erbfolge trat entsprechend ihrem Testament bereits 1617 in Kraft.

Maria von Weiler verbrachte ihr schwungvolles Leben (auch von ihrem dritten Ehemann ließ sie sich scheiden) ausschließlich im Köngener Schloss. Sie nahm regen Anteil am Ortsgeschehen. Im Taufbuch finden wir oft ihren Namen als Patin Köngener Kinder. Maria ließ am vorderen Schloss ein Torhaus bauen, durch das der Weg in den Vorhof führte. Den Entwurf dazu liefert der Hofarchitekt Heinrich Schickhardt.

  • Die Pestwelle von 1609 - 1611

  • Die Pest wütete von 1609 an unter der Köngener Bevölkerung und ebbte erst in den Wintermonaten des Jahres 1611 ab.

  • Eintragungen im Taufbuch der Köngener Kirche

1610:

14 Taufen

159 Beerdigungen

1611:

20 Taufen

132 Beerdigungen

1612

29 Taufen

  15 Beerdigungen

  • Insgesamt sollen im Ort (bei 800 bis 1000 Einwohnern) 381 Menschen der Pestwelle zum Opfer gefallen sein. Man konnte die Toten nicht mehr ordentlich beerdigen und musste Massengräber anlegen.

Das Grauenhafte dieser Jahre hat tief im Volk nachgewirkt und in der Sage von der Pestbraut seinen Niederschlag gefunden: ' Einem jungen Burschen war die Braut durch die Pest entrissen worden. Seine Kameraden wetteten mit ihm, dass er nicht den Mut habe, am Sterbebett der toten Braut in der Nacht vor der Beerdigung ein Messer durch ihren Schleier zu stoßen. Er ging auf die Wette ein, begab sich in das Sterbehaus und kehrte nicht wieder zurück. Als ihn die anderen suchten, fanden sie ihn tot an der Bahre seiner Braut.'


Literaturhinweise


  • Laubach, Ernst: Ferdinand I. als Kaiser. Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V., Münster/Westfalen 2001

  • Hergenröder, Gerhard: Köngen. Geschichte einer Gemeinde. 1985

  • Boger, Ernst: Geschichte der freiherrlichen Familie Thumb von Neuenburg, Stuttgart 1885

  • Fastnacht, Kathrin: Köngen. Ein Schloss und seine Herrschaften. Zur Identität von Schloss und Dorf Köngen im 19. und 20. Jahrhundert. Weißenhorn 2007

  • Köngener Anzeiger vom 8. Oktober 1982: "450 Jahre Reformation in Köngen"


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Stand: 02.10.2017                                                  Copyright © 2017 Geschichts- und Kulturverein Köngen e.V.                                                  Autor: Dieter Griesshaber