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Über den Sinn, sich mit Geschichte zu befassen (nach Friedrich Nietzsche)


„Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ Dies sind Worte Goethes, die auch auf die Beschäftigung mit der Geschichte zutreffen. „Wir brauchen Geschichte zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat, oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat.“ 

So sieht es der Philosoph Friedrich Nietzsche in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“. Er fährt fort: „Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet.“

  Friedrich Nietzsche (* 1844, † 1900)
 

Der Blick in die Vergangenheit drängt den „historischen“ Menschen zur Zukunft hin, feuert seinen Mut an, es noch länger mit dem Leben aufzunehmen, entzündet die Hoffnung, dass das Rechte noch kommt, dass das Glück hinter dem Berg sitzt, auf den er zuschreitet. Der „historische“ Mensch glaubt, dass der Sinn des Daseins im Verlauf eines Prozesses immer mehr ans Licht kommt; er schaut nur deshalb rückwärts, um an der Betrachtung des bisherigen Prozesses die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft heftiger begehren zu lernen. Die Geschichte steht jedoch nicht im Dienste der reinen Erkenntnis, sondern des Lebens.

Die Geschichte dient nach Nietzsche dem Leben des Menschen in dreierlei Hinsicht: "sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen". Nietzsche unterscheidet dementsprechend eine "monumentalistische", eine "antiquarische" und eine "kritische" Geschichtsbetrachtung.  Ihre Definition, ihre Vor- und Nachteile sollen im folgenden beschrieben werden.

Die Geschichte gehört vor allem dem Tätigen und Mächtigen, dem, der einen großen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer, Tröster braucht und sie in seiner Gegenwart nicht zu finden vermag. Der Tätige gebraucht die Geschichte als Mittel gegen die Resignation. Zumeist winkt ihm kein Lohn, wenn nicht der Ruhm, das heißt die Anwartschaft auf einen Ehrenplatz im Tempel der Historie.

Es gibt Menschen, die sich, im Hinblick auf das vergangene Große und gestärkt durch seine Betrachtung, so beseligt fühlen, als ob, so Nietzsch, „das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönste Frucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, dass früher einmal einer stolz und stark durch dieses Dasein gegangen ist, ein andrer mit Tiefsinn, ein Dritter mit Erbarmen und hilfreich - alle aber eine Lehre hinterlassend, dass der am schönsten lebt, der das Dasein nicht achtet.“ Diese Menschen glauben, dass sie selbst in dem Monogramm ihres eigensten Wesens, in einem Werk, einer Tat, einer Schöpfung weiterleben, weil es die Nachwelt nicht entbehren kann. Es ist der Glaube an die Zusammengehörigkeit und Kontinuität des Großen aller Zeiten, es ist ein Protest gegen den Wechsel der Generationen und die Vergänglichkeit.

Wodurch also nützt die monumentalistische Betrachtung der Vergangenheit, die Beschäftigung mit dem Klassischen und Seltenen früherer Zeiten? Der Mensch entnimmt daraus, dass das Große, das einmal war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wieder möglich sein wird; er geht mutiger seinen Gang, denn jetzt ist der Zweifel, der ihn in schwächeren Stunden anfällt, ob er nicht das Unmögliche wolle, aus dem Felde geschlagen. 

 

Das "Rad der Geschichte" deutet auf Bewegung und Veränderung, auch im Leben eines Menschen, hin. Oben und unten in der gesellschaftlichen Hierarchie, Glück und Leid, lösen einander ab. Die Zeitabläufe schließen sich zu Kreisen. In scheinbar neuen Dingen ist stets das Alte in Variation enthalten. Während sich das Rad dreht, prägen sich dem Menschen neue Ereignisse ein. Zeit wird sowohl in ihrer Bewegung als auch in ihrer Wiederholung sichtbar.

Auf dem nebenstehenden Bild  fehlt ein Teil des Rades: Der soziale 'Aufstieg'  wird als schwierig oder unmöglich angesehen.

Die monumentale Historie wird jedoch immer das Ungleiche annähern, verallgemeinern und schließlich gleichsetzen; immer wird sie die Verschiedenheit der Motive und Anlässe abschwächen, um auf Kosten der Ursachen die Wirkungen monumental, nämlich vorbildlich und nachahmungswürdig hinzustellen. Solange das Motiv der Geschichtsschreibung in den großen Antrieben liegt, die ein Mächtiger aus ihr entnimmt, solange die Vergangenheit als nachahmungswürdig, als nachahmbar und zum zweiten Male beschrieben werden muss, ist sie in Gefahr, etwas verschoben, ins Schöne umgedeutet und damit der freien Erdichtung angenähert zu werden. Nietzsche  schreibt: „Große Teile der Vergangenheit werden vergessen, verachtet, und fließen fort wie eine ununterbrochene Flut, und nur einzelne geschmückte Fakta heben sich als Inseln heraus.“ Die monumentale Historie täuscht durch Analogien: sie reizt mit verführerischen Ähnlichkeiten den Mutigen zur Verwegenheit, den Begeisterten zum Fanatismus. 

Der „antiquarische“ Historiker pflegt das Vergangene. Die Geschichte gehört also auch dem Bewahrenden und Verehrenden, dem, der mit Treue und Liebe dorthin zurückblickt, woher er kommt, worin er geworden ist; durch diese Pietät trägt er gleichsam den Dank für sein Dasein ab. Indem er das von alters her Bestehende mit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, für solche bewahren, welche nach ihm entstehen sollen - und so dient er dem Leben . Das Kleine, das Beschränkte, das Morsche und Veraltete erhält seine eigene Würde und Unantastbarkeit dadurch, dass die bewahrende und verehrende Seele des antiquarischen Menschen in diese Dinge übersiedelt und sich darin ein heimisches Nest bereitet. Die Geschichte einer Stadt wird ihm zu einer Geschichte seiner selbst. Er findet sich selbst in allem, seine Kraft, seinen Fleiß, seine Lust, sein Urteil, seine Torheit und Unart wieder. Hier ließ es sich leben, sagt er sich, den es lässt sich leben; hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit diesem „Wir“, über das vergängliche Einzelleben hinweg. Den höchsten Wert hat der historisch-antiquarische Verehrungssinn, wo er über bescheidene, raue, selbst kümmerlich Zustände, in denen ein Mensch oder ein Volk lebt, ein Lust- und Zufriedenheitsgefühl verbreitet. Wie könnte Historie dem Leben besser dienen, als dadurch, dass sie auch die weniger begünstigte Bevölkerungsschichten an ihre Heimat und Heimatsitte anknüpft. Das Glück, sich nicht ganz willkürlich und zufällig zu wissen, sondern aus einer Vergangenheit als Erbe, Blüte und Frucht herauszuwachsen und dadurch in seiner Existenz gerechtfertigt zu werden - dies ist es, was man mit Vorliebe als den eigentlichen historischen Sinn bezeichnet.

Der antiquarische Sinn eines Menschen, einer Stadtgemeinde, eines ganzen Volkes hat jedoch immer ein höchst beschränktes Gesichtsfeld; das allermeiste nimmt er gar nicht wahr, und das wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isoliert; er kann es nicht messen und nimmt alles gleich wichtig und deshalb jedes einzelne als zu wichtig. Es besteht die Gefahr, dass alles, was dem Alten nicht mit Ehrfurcht entgegenkommt, also das Neue und Werdende, abgelehnt und angefeindet wird. Der historische Sinn konserviert dann nicht mehr das Leben , sondern mumifiziert es. Die antiquarische Historie entartet selbst in dem Augenblick, in dem das frische Leben der Gegenwart sie nicht mehr beseelt und begeistert. Die antiquarische Historie versteht es lediglich, Leben zu bewahren, nicht zu zeugen; deshalb unterschätzt sie immer das Werdende. Sie hindert den Entschluss zum Neuen, sie lähmt den Handeln den, der immer, als Handelnder, irgendwelche Pietäten verletzen wird und muss.

Hier wird es deutlich, wie notwendig der Mensch, neben der monumentalistischen und antiquarischen Art, die Vergangenheit zu betrachten, oft genug eine dritte Art nötig hat, die kritische: auch diese wiederum im Dienste des Lebens. Er muss die Kraft haben, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: dies erreicht er dadurch, dass er sie vor Gericht zieht, peinlich befragt, und endlich verurteilt. Jede Vergangenheit ist wert verurteilt zu werden - denn so steht es nun einmal mit den menschlichen Dingen: immer ist in ihnen die menschliche Gewalt und Schwäche mächtig gewesen.

Es ist nicht die Gerechtigkeit, die hier zu Gericht sitzt; es ist noch weniger die Gnade, die hier das Urteil verkündet; es ist das Leben allein, jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht . Es gehört sehr viel Kraft dazu, leben zu können und zu vergessen. Manchmal verlangt dasselbe Leben, das die Vergessenheit braucht, die zeitweilige Vernichtung dieser Vergessenheit; dann soll es eben gerade klar werden, wie ungerecht die Existenz irgendeines Dinges, eines Privilegs, einer Kaste, einer Dynastie zum Beispiel, ist, wie sehr dieses Ding den Untergang verdient. Dann wird seine Vergangenheit kritisch betrachtet, dann greift man mit dem Messer an seine Wurzeln, dann schreitet man grausam über alle Pietäten hinweg.

Menschen, die auf diese Weise dem Leben  dienen, dass sie eine Vergangenheit richten und vernichten, sind immer gefährliche und gefährdete Menschen. Da wir nun einmal die Resultate früherer Generationen sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen.

Wir bringen es im besten Falle zu einem Widerstreit der ererbten, angestammten Natur und unserer Erkenntnis, auch wohl zu einem Kampf einer neuen strengen Zucht gegen das von alters her Anerzogene und Angeborene, wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen Instinkt, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es ist ein Versuch, sich gleichsam im nachhinein eine Vergangenheit zu geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man stammt. Dies ist immer ein gefährlicher Versuch, weil es so schwer ist, eine Grenze im Verneinen des Vergangenen zu finden. Es bleibt zu häufig bei einem Erkennen des Guten, ohne es zu tun, weil man auch das Bessere kennt, ohne es tun zu können. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt sogar für die Kämpfenden, für die, welche sich der kritischen Historie zum Leben bedienen, einen Trost: nämlich zu wissen, dass auch jene erste Natur irgendwann einmal eine zweite Natur war und dass jede siegende Natur zu einer ersten wird.

Dies sind die Dienste, welche die Geschichte dem Leben zu leisten vermag; jeder Mensch und jedes Volk braucht je nach seinen Zielen, Kräften und Nöten eine gewisse Kenntnis der Vergangenheit, bald das monumentalistische, bald als antiquarische, bald als kritische Historie: aber nicht wie eine Schar von reinen, dem Leben nur zusehenden Denkern, nicht wie wissensgierige, durch Wissen allein zu befriedigende Einzelne, denen Vermehrung der Erkenntnis das Ziel selbst ist, sondern immer nur zum Zweck des Lebens und also auch unter der Herrschaft und obersten Führung dieses Zwecks. 


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Zum Kauf empfehlen wir Ihnen:
  • Hobsbawn, Eric: Wieviel Geschichte braucht die Zukunft? 1999. (In einer Zeit welthistorischer Umbrüche ist die Frage nach der Geschichte, nach dem Kontinuum von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zentral. Das Werk des bekannten englischen Historikers gibt Auskunft.)

Stand: 22.08.2013                      Copyright © 2013 Geschichts- und Kulturverein Köngen e.V.                         Autor: Dieter Griesshaber